Die Sozialarbeiterin Elizabeth und ich sind mit einem Motorradtaxi ("Pikipiki") zum Camp gefahren. Wir haben Richards neue Schule besucht und mit seiner Lehrerin gesprochen. Wir haben erfahren, dass Richard regelmäßig zur Schule kommt, an diesem Tag aber nicht hier war, also sind wir zu seinem Haus gefahren. Dort haben wir ihn mit zwei jüngeren Cousins getroffen. Die drei Kinder haben zwischen den Hütten gespielt, in denen sie wohnen. Erwachsene waren nicht da - die Großmutter arbeite auf dem Feld und die Mutter der beiden Cousins sei Wasser holen gegangen, sagten uns die Kinder. Wie weit die Mutter zum Wasser holen laufen musste, wussten wir nicht, also beschlossen wir, nicht zu warten. Wir gaben Richard, was wir ihm mitgebracht hatten: ein paar Schulhefte, einen Bleistift und ein paar Buntstifte, eine Packing bunte Sticker und zwei Mandazi (süßes Gebäck). Das Center wird sich nun um Richards Schuluniform und sein Schulgeld kümmern.
Ich hatte an diesem Tag zwar meine Kamera dabei, habe aber beschlossen, keine Fotos im Camp zu machen. Ich wollte bei den Nachbarn nicht den Eindruck erwecken, ich sei aus "Sensationsfreude" gekommen: eine reiche weiße Frau, die Bilder von armen schwarzen Kindern macht. Tatsächlich scheinen die Menschen in dem Camp sehr arm zu sein verglichen mit den meisten Kenianern, die ich bisher kennen gelernt habe. Ihre Hütten sind nur wenige Quaratmeter groß und meist aus Holz, Plastik und Stoff gebaut. Einige Familien haben kein Bett und keine Matratze, sie schlafen auf Stoffen, die sie auf dem Boden oder auf Stein ausgebreitet haben. Richards Familie besitzt ein Bett und eine Matratze. In dem Bett schläft er mit seinen beiden Cousins und deren Mutter. Die Großmutter schläft in einer zweiten Hütte, die gleichzeitig als Küche und Wohnzimmer dient. Im Gegensatz zu den Wohnungen in einem Slum haben die Menschen hier viel Platz, die Nachbarn wohnen einige Meter entfernt. Bei starken Regenfällen müssen die Familien allerdings in Notunterkünften untergebracht werden, weil ihre Häuser und die Umgebung überschwemmt sind.
Ich habe mich sehr gefreut, Richard wieder zu treffen und zu sehen, dass es ihm gut geht und er zur Schule geht. Richard ist ein eher schweigsamer Typ, ich glaube trotzdem, dass er sich auch über unseren Besuch gefreut hat. Als die Sozialarbeiterin ihn fragte, ob er sich an mich erinnere, bejahte er. Das freute mich.
Auf dem Rückweg zum Center sind wir an einigen Masai-Hütten vorbei gekommen. Es war das erste mal, dass ich Mitglieder dieses Stammes in ihrer ursprünglichen Umgebung gesehen habe. Soweit ich weiß sind die Masai (zusammen mit den Samburu, mit welchen sie oft verwechselt werden - selbst die "weiße Masai" war eigentlich mit einem Samburu-Mann verheiratet) der Stamm Kenias, der am stärksten alte Traditionen bewahrt: Viele Masai tragen auch in den Städten ihre traditionellen Tücher, Halskettern und Armbänder und Reifen-Sandalen. Viel weiß ich über die Traditionen der Masai allerdings nicht.
Für die meisten Touristen sind die Masai DER Stamm Kenias; in jedem Souvenir-Shop findet man ihre traditionelle Kleidung und Schmuck, Zeichnungen von Masai-Kriegern und Masai-Hütten, sogenannten Manyattas. Tatsächlich aber sind die Masai in Kenia in der Unterzahl und werden, soweit ich das mitbekommen habe, von anderen Stämmen für ihre Traditionsliebe und ihre "Verweigerung sich fort zu entwicklen" belächelt.Dieses Foto zeigt Goddie, einen Freund von mir in seiner Masai-Tracht. Die trägt er allerdings nur, wenn er seine Mutter zu Hause besucht. Goddie wohnt bei uns um die Ecke und ich habe ihn persönlich bisher nur in "westlicher" Kleidung gesehen. Im Übrigen ist Goddie (kurz für Godfrey) nur ein "halber" Masai, denn seine Mama ist mit einem Kikuyu-Mann verheiratet.
Wenn man vom idp Camp auf direktem Weg zurück zum Watoto Wema Center fährt, kommt man an der städtischen Abwasserversorgung vorbei. Man sieht hier mehrere künstlich angelegte Teiche zu beiden Seiten des Weges.
Elizabeth erzählte mir, dass die Flusspferde früher manchmal nachts ins Watoto Wema Center gekommen seien, um nach Futter zu suchen. Morgens habe man dann ihre Fußspuren rund um die Gebäude des Centers gefunden. Heute kommen die Tiere nicht mehr, da zwischen ihren Teichen und dem Center mehrere Häuser gebaut wurden, in denen Menschen arbeiten und wohnen.
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