Dienstag, 9. Juli 2013

Yoga

Im Juni habe ich an einem zweiwöchigen Yoga-Seminar (Yoga Teacher Training) teilgenommen. Ich hatte das Shine-Center des Africa Yoga Project (AYP) öfter für Yoga-Stunden besucht und hatte besonderen Spaß am Ashtanga-Yoga. Dies ist auch der Typ Yoga, den Eric mit den Kindern im Watoto Wema Center macht.



Seine Lehrerin Sharon, die für ein Jahr aus den USA in Kenia war, um hier die Lehrerinnen und Lehrer in Ashtanga-Yoga auszubilden, hat mich in den Stunden beobachtet und gesehen, dass mir Ashtanga besonders liegt. Sie hat sich deshalb dafür eingesetzt, dass ich an einem Teacher Training (Lehrerausbilung) für Ashtanga-Yoga teilnehmen kann. Für Eric und die anderen Lehrerinnen und Lehrer des Shine-Centers war das Training kostenlos, ich hätte eigentlich bezahlen müssen, aber Dank Sharons Einsatz, habe ich ein Stipendium bekommen und durfte umsonst teilnehmen.


Erst hatte ich Bedenken, ob eine Lehrerausbildung wirklich das Richtige für mich ist, da ich ja gerade erst mit dem Yoga angefangen habe. Aber Sharon sagte, ich könne das Seminar einfach nutzen, um mein persönliches Training zu vertiefen und solle nicht erwarten, dass ich nach zwei Wochen eine fertige Yoga-Lehrerin bin. Außerdem geht es bei Yoga nicht darum, möglichst die Beste, Stärkste oder Flixibelste im Raum zu sein, sondern die Asanas (Körperhaltung) so einzunehmen, wie man es selbst am besten kann, ohne sich dabei zu verletzen.

Ashtanga-Yoga besteht aus mehreren Sequenzen, die aufeinander aufbauen. Erst wenn alle Asanas der ersten Sequenz ausgeführt werden können, kann ein Yogi mit der zweiten Sequenz anfangen usw. Die Stellungen werden immer anspruchsvoller, es ist daher unbedingt nötig, den Körper langsam an die Belastungen zu gewöhnen. Jede Sequenz besteht aus mehreren Asanas, die in immer der gleichen Reihenfolge eingenommen werden. Es ist dabei möglich, einzelne Stellungen auszulassen, für die man sich noch nicht bereit fühlt.


Mir persönlich liegen die Stellungen besonders gut, die Flexibilität erfordern, dafür habe ich Probleme mit den Asanas, bei welchen Muskelkraft gefragt ist. In Sachen Balance würde ich mich als mittelmäßig einstufen. Wie bereits erwähnt ist es aber überhaupt nicht schlimm, eine Körperhaltung nicht perfekt einnehmen zu können, da es meist Varianten gibt, die dem Yogi helfen, sich an die eigentliche Stellung heranzutasten. Außerdem geht es dem Yogi darum, die eigene Mitte zu finden und nicht, sich in eine Körperhaltung zu zwingen, nur weil der Nachbar sie mit Leichtigkeit einnehmen kann.

Eric als einer der erfahrensten Yogi im Seminar, wurde oft von Sharon nach vorne gerufen, um eine Stellung vorzumachen. Hier zum Beispiel, wie man aus dem Stand in die Brücke gelangt.










Diese Woche war ich in einer Ashtanga-Stunde, in der eine schwierige Position der ersten Sequenz vorgestellt werden sollte: die schlafende Schildkröte. Erics Name wurde gerufen und eine Schülerin sagte "We want to see Eric doing it, that's what we came for!" (dt. "Wir wollen, dass Eric es vormacht, dafür sind wir gekommen!")

Sharon jedenfalls lässt es sich selbst mir ihren 67 Jahren nicht nehen, viele Stellungen selbst vorzumachen. Klar, dass wir sie alle sehr bewundert haben!


Das Seminar war so strukturiert, dass wir morgens erst zusammen die erste Sequenz praktiziert haben. Sie beginnt immer mit dem Sonnengruß A, dann dem Sonnengruß B und dann den Asanas der ersten Sequenz. Danach hatten wir ein paar Minuten Pause. Nach er Pause zeigte Sharon uns die einzelnen Stellungen in kleinen Paketen, das heißt erst den ersten Sonnengruß, dann den zweiten, dann die ersten vier Stellungen, am nächsten Tag dann die nächsten Asanas usw.



Hier ging es nun darum, wie diese Haltungen von einer Lehrerin oder einem Lehrer angesagt werden. Welche Anweisungen also den Schülern gegeben werden. Das alles natürlich auf Englisch. Ich merke spätestens während ich diesen Beitrag schreibe, wie schwer es mir fällt, Dinge, die Ashtanga-Yoga betreffen, in deutsch zu formulieren, weil ich nur die englischen Begriffe kenne. Ihr entschuldigt daher hoffentlich ein paar etwas holprige Formulierungen in diesem Artikel.


Sharon zeigte uns außerdem, wie man Schülerinnen und Schüler unterstützen kann, damit sie leichter in eine Stellung finden oder wenn sie eine Haltung falsch einnehmen. Dieser Teil ist besonders wichtig, da man sich schnell Verletzungen an Knien, im Rücken oder an einen Körperstellen zuziehen kann, wenn man eine Position falsch einnimmt. Hier zeigt sie zB, wie man einem Schüler mit einem Band, Handtuch oder einem Stück Stoff dabei hilft, sich nach hinten zu beugen, um in die Brücke zu gelangen.


Dabei muss man als Lehrerin sehr vorsichtig sein, um den Schüler nicht zu verletzen. Ein Lehrer muss in der Lage sein, einzuschätzen, wie weit er bei einem Schüler gehen kann und was zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht im Rahmen des Möglichen für diesen Schüler liegt. Sharon fragt vor jeder Yoga-Stunde, ob Verletzungen oder Schwangerschaften bei Schülerinnen vorliegen, damit sie für diese Personen Varianten der Asanas zeigen kann.



Nach Sharons Erläuterungen der einzelnen Haltungen teilten wir uns in kleine Gruppen von etwa acht Personen auf und unterrichteten uns gegenseitig. Jeder war einmal Lehrer und durfte die anderen Schüler der Gruppe in den eben gesehenen Asanas unterrichten. Ich war nicht die Einzige, der es schwer fiel, gleichzeitig zu sprechen, eine Übung vorzumachen und dann noch darauf zu achten, ob die Schülerinnen alles richtig machten. Besonders verwirrend war für viele von uns die Atmung. Im Ashtanga-Yoga ist die Atmung das A und O. In jeder Haltung ist genau vorgegeben, wann ein- und ausgeatmet wird.
Als Lehrerin muss man den Schülern ansagen, wie geatmet wird. Das ist gar nicht so einfach. Grundsätzlich gilt: Wenn eine Bewegunng Richtung Boden geht, wird ausgeatmet, wenn sie Richtung Himmel geht, wird eingeatmet.
 
In meiner Gruppe waren außerdem drei taube Yogalehrer. Ihnen signalisierten wir den Wechsel von einer Stellung die nächste durch eine ausladende Handbewegung (oft schaut man ja nach unten und kann den Lehrer nicht sehen) oder starkes Stampfen auf den Boden. Sie zeigten uns den Wechsel von einer Stellung in die nächste durch Klatschen an. In unserem Fall ist es uns nicht schwer gefallen, ohne Worte unterrichtet zu werden, da wir alle die Abläufe kannten. Bei einer Gruppe von Anfängern lohnt es sich für einen tauben Lehrer oder eine taube Lehrerin, einen Assisten dabei zu haben.
Während des ganzen Seminars war ein Übersetzer mit uns im Raum, der alles Gesprochene in Gebärdensprache übersetzte.

Das Training endete jeden Tag damit, dass wir in einem Kreis zusammensaßen, unsere Erfahrungen austauschten, Fragen stellen konnten und Sharon uns eine nette romantische, lustige, lehrreiche oder nachdenklich stimmende Geschichte vorlas. Danach gab es noch für alle im Shine-Center Mittagessen.






Das Seminar hat mir viel Spaß gemacht. Es war eine tolle Erfahrung, zwei Wochen lang intensiv Yoga zu machen, viele nette Menschen zu treffen und Gemeinschaft zu spüren. Sharon steckt durch ihre positive und lebensbejaende Persönlichkeit alle Menschen um sie herum mit guter Laune und Liebe an.


Auch wenn wir gerade nicht mit Yoga beschäftigt waren, hatten wir viel Spaß zusammen. Einige unter uns sind richtige Künstler und Akrobaten!

Am vorletzten Tag haben wir nach der Praxis noch eine Runde Musik gehört und getanzt. Einige von den Jungs haben ein paar Schritte gezeigt und alle anderne haben sie nachgemacht. Das war gar nicht so einfach. Ich war schon ziemlich kaputt und müde und konnte den komplizierten Schrittfolgen irgendwann nicht mehr folgen, also habe ich mich aufs Zuschauen konzentriert. Das war auch nicht schlecht.

Der letzte Tag des Teacher Tranings war gleichzeitig Sharons letzter Tag in Kenia. Das hat vor allem die Lehrerinnen und Lehrer sehr traurig gestimt. Sharon war für die jungen Menschen weit mehr als eine Lehrerin. Sie war eine Mutter, eine Schwester und eine Freundin und hat ihnen sehr viel gegeben. Sharon hat die Lehrer und Lehrerinnen, die oft aus schwierigen Familienverhältnissen kommen, wie ihre eigenen Kinder in ihr Herz aufgenommen, sie emotional und wenn nötig auch finanziell unterstützt. Sie hat ihnen Mut gemacht, wenn sie nicht weiter wussten und ihnen gezeigt, dass sie immer an ihre Fähigkeiten glaubt.


Erics Lachen auf diesem Bild zeigt, wie viel Sharon ihm bedeutet. Er hatte mir viel von ihr erzählt, bevor ich sie das erste mal getroffen habe. Und ich spürte von er ersten Minute an, warum er sie so wertschätzte und bewunderte. Sharon ist einer der tollsten Menschen, die ich je getroffen habe. Sie hat ein riesiges Herz und sprüht Liebe aus, wohin sie auch geht. Ihre Aura ist unwahrscheinlich. Ihre kindliche, ehrliche, liebenswerte und liebeschenkende Art macht süchtig. Man wünscht sich, immer in ihrer Nähe zu sein, um von ihrer positiven Art angesteckt zu werden. Die Welt braucht definitiv mehr Sharon!!

Am letzten Tag also haben wir Sharon mit einer kleinen Feiern überrascht. Sie hat sich sehr gefreut und gesagt, sie sei noch nie überrascht worden. Ihr Blick, als sie das Büffet sah, das für sie organisiert worden war, war tatsächlich einmalig! Sie musste dann auch gleich als erste zugreifen, bevor wir uns alle über das leckere Obst, die Kekse und den Saft hermachten.


Sharon hat außerdem viele Geschenke bekommen. Das schönste Geschenk hatten wir alle gemeinsam organisiert: Wir hatten ein kleines Buch besorgt, in welches jeder etwas Nettes für Sharon schreiben und ein Foto von sich einkleben konnte.(Die aufgeschlagene Seite ist unsere). Sharon freute sich wie ein Kind an seinem fünften Geburtstag.



Einer der Seminarteilnehmer hat als weiteren Höhepunkt des Tages seine Show als Feuerschlucker präsentiert. Es war faszinierend.
Zum Schluss haben wir alle getanzt und als Sharon sich verabschieden wollte, wollte keiner sie gehen lassen. Immer wieder wurde sie auf die "Tanzfläche" gezogen und von allen gefeiert. Ich glaube, es war gut, dass sie in einer so fröhlichen Stimmung das Shine-Center verlassen hat, sonst hätte es bestimmt Tränen gegeben.

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